Shapeshifters City Concierge São Paulo

SHAPESHIFTERS CITY CONCIERGE - AUF BRÜCKENSUCHE IN SÃO PAULO

Freitag, 12. August 2011 12:00
Man trifft sich in der digital vernetzten Welt, fragt nach Hilfe und Kontakten. Kommt man schließlich zusammen, um ein Projekt zu verwirklichen – spätestens dann – trifft man sich auch wirklich. Bei internationalen Unternehmungen folgen die Reiserouten den Datenströmen im Internet. Das soll jetzt auch die freie Kreativszene beflügeln.

Da wo sonst die Märkte der Trend Mafia abgehalten werden, sitzt momentan Shapeshifters City Concierge für São Paulo im Berliner Supermarkt.


Just über dem alten Grenzgebiet, da wo Berlin Mitte auf den alten Westen trifft, gibt es nun den Supermarkt. Auf der Brunnenstraße im Wedding steht der ehemals als Lebensmitteleinzelhandel fungierende Laden. Seit längerem dient er der freien kreativen Szene zum Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Verkaufsraum. Mit dem Supermarkt e.V. wird dieser Raum ab Herbst 2011 zu einem Free Culture Department Storeinstitutionalisiert.

Sprechstunde im Supermarkt

Die City Concierge für São Paulo ist eine Idee von Shapeshifters. Dafür hatShapeshifters die Paulistano Georgia Nicolau gewinnen können. Mit ihrer Hilfe soll es Berliner Künstlern und Kreativen ermöglicht werden, direkten Kontakt zur Szene der brasilianischen Metropole aufzunehmen. Ziel ist die Realisierung ihrer Projekte im Zusammenhang Berlin – São Paulo. Die City Concierge interviewt die Künstler, fragt nach konkreten Vorhaben und Details. Im Laufe des mindestens 20 minütigen Gesprächs lernt man sich kennen und einzuschätzen. Alle Gespräche sind auf Englisch und für Nicolau stehen die Fragen "Why is your work nice?“ und
„Would people want to meet you?” im Vordergrund.

Conscious Networking

Nach dem Filtern und Fokussieren im Gespräch kann die City Concierge die gesammelte Information in Ruhe evaluieren. Dann steht sie vor der schwierigen Entscheidung für jede Anfrage den richtigen, den passenden Kontakt zu vermitteln. Das ist ganz und gar nicht einfach, denn neben den fachlichen Belangen muss auch die Chemie zwischen den Kontakten stimmen.

Das weiß auch Georgia Nicolau: „Wem will ich diese Person vorstellen und wer wäre ein guter Kontakt für sie?“
Vorgestellt haben sich die verschiedensten Berliner Künstler mit Projekten aus der freien kreativen Szene. Von Lernprojekten über das Filme machen bis hin zu den Visuellen Künsten ist hier alles vertreten. Demgegenüber steht ein breites Netzwerk an Künstlern und Programmierern, die sich an vier Orten in São Paulo als Coworking Space The House of Digital Culture etabliert haben. Nicolau ist Journalistin, Produzentin und Kulturmanagerin. Ihren Anspruch an sich selbst äußert sie wie selbstverständlich: „You have to be your own marketing person.“ Das bedarf keiner Übersetzung. ImSupermarkt sitzt sie nun zusammen im Gespräch mit einer Klientin.

Auf Brückensuche

Die Künstlerin Jodi Rose sucht eine passende Brücke für ihr Projekt in São Paulo. Mit Bridgeland realisiert sie Live Tonaufnahmen von Brücken aus aller Welt. Idealerweise ergäbe sich ein 24 Stunden Konzert, ein Livemix aus 15 Aufnahmepunkten an der Brücke.


Dazu benötigt sie auch Künstler vor Ort, die sich mit der Technik auskennen. Georgia Nicolau ist interessiert an der Idee der gebürtigen Australierin, die seit vier Jahren in Berlin lebt. Sofort recherchiert sie São Paulos Brücken im Internet. „Geht diese hier?“ „Nein, naja, also eine Autobrücke wäre toll, wegen des Sounds.“ Zusammen landen sie auf einer Seite mit der imposanten Schrägseilbrücke Ponte Octávio Frias de Oliveira. „Und ist da ein Fußgängerzugang?“ „Ich glaube nicht.“ „Dann muss ich sehen, wo ich eine Erlaubnis zum Zugang an die Kabel bekomme; an den Kabeln machen die Spannungen die schönsten Geräusche.“

Anspruch, Wunsch und Wirklichkeit

Optimal wäre es, wenn Jodi Rose eine Woche in São Paulo vor Ort sein könnte um die Leute kennen zu lernen, die Georgia Nicolau ihr in nächster Email vorstellen wird. Sie hat da schon einige Kollegen aus den Bereichen Technologie und Kunst sowie urbane Installationen im Hinterkopf. Jodi Rose wird derweil weiter international Anträge stellen und hofft zusätzlich auf öffentliche Gelder, die sich aus einer Partnerschaft mit einem Festival ergeben könnten. Dann nennt sie die moderate Summe von € 5000,00.- als Anhaltspunkt für einen Antrag, den sie beabsichtigt in Brasilien als Komplementärförderung zu stellen.

„Das ist für São Paulo sehr viel Geld“, erwidert Georgia Nicolau. Zum ersten Mal im Gespräch klaffen hier zwei Welten auseinander. Schnell verweist Nicolau auf Fördertöpfe der Europäischen Union. Die EU fördert in dem Zusammenhang meistens nur Partnerschaftsprojekte oder solche, die im Rahmen eines größeren Festivals stattfinden. Einzelprojektförderung ist hier sehr selten. Spezielle Förderprogramme zwischen Brasilien und Deutschland existieren gar nicht.

Reality Check

Öffentliches Geld aus Brasilien zu bekommen scheint sehr schwer und es wirft sich die Frage auf, ob die Berliner am Ende nicht ihre Fördermittel mitbringen müssen und dann in São Paulo von günstigeren Preisen und Honoraren profitieren. Ist das denn aber noch ein gemeinsames Projekt, in dem sich alle Beteiligten gleichwertig fühlen?

Wer beteiligt sich an den Kosten, wenn die in Brasilien günstig produzierte Kunst dann auch einmal in Berlin gezeigt werden soll?
Das schöne Projekt steht der harten Realität gegenüber. Die Grenzenlosigkeit des Internets und die weitreichende Verbreitung und Verfügbarkeit digitaler Medien gibt der kreativen Idee ihren freien Raum. Im Falle der ernsthaften Umsetzung hat sie aber immer vor den realen Sachzwängen nationaler Interessen und wirtschaftlicher Macht zu bestehen. Das Internet und die anwenderfreundlichen digitalen Technologien machen uns viel gleicher - das ist das Gefühl, wenn wir es und sie benutzen - als wir es tatsächlich sind.

Kreativbotschaften

Noch ist die City Concierge ein Experiment. Nach der Berlin Erfahrung sind aktuell Städte wie Leipzig und Auckland an dem Modell sehr interessiert. So könnte sich Shapeshifters City Concierge zu einer festen Dienstleistung für die freie kreative Szene einer Stadt mausern. Öffentliche Förderung wäre direkt und effektiv in einen ständigen Beirat für internationale Kulturprojekte investiert. Anstatt nur immer davon zu schwärmen und zu reden und so eine internationale Zusammenarbeit auch sehr gerne von den Künstlern als ein hervorzuhebendes Merkmal für eine Fördermittelvergabe zu verlangen, könnte die Stadt hier selbst etwas dazu tun. Die Stadt in Partnerschaft mit anderen Städten weltweit könnte so als Einheit viel souveräner als der einzelne Künstler oder ein Produktionsteam über die nationalen Grenzen springen.

 

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Fotos: Boris Alexander Knop

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